
Wenn Wollen nicht reicht
Manchmal sitze ich da und weiß ganz genau, was mir guttun würde. Eigentlich könnte ich meditieren, Tagebuch schreiben, spazieren gehen oder einfach nur einen Tee trinken – bevor der Alltag mich wieder verschluckt. Eigentlich.
Doch zwischen Wissen und Tun liegt eine unsichtbare Mauer. Ich habe in der Therapie gelernt, wie wichtig Selbstfürsorge ist. Ich weiß, wie sehr mir kleine Rituale helfen würden. Ich will sie machen. Ich will es wirklich.
Alltag mit ADHS
Und trotzdem passiert… nichts. Oder kaum etwas. Stattdessen schleppe ich mich durch das Nötigste: Haushalt, Essen, Schlaf organisieren, die Teenies durch den Tag bringen. Alles andere bleibt liegen. Und jedes Mal, wenn ich daran denke, dass ich wieder nichts für mich getan habe, bricht die Selbstvorwürfe-Flut los: „Du bist faul. Du bist undiszipliniert. Du bist zu schwach.“ Ich schäme mich. Dabei weiß ich genau, wie schwer es ist, mit ADHS überhaupt nur einen Funken Routine zu fassen.
Therapie und Traurigkeit
Neulich hat mein Therapeut mich darauf angesprochen, dass sich nach neun Monaten Therapie kaum etwas verändert hat. Vielleicht wollte er es nicht so hart sagen, vielleicht nur einen Anstoß geben. Aber bei mir kam nur an: Du hast versagt. Vielleicht will er nicht, dass ich weiter bei ihm bleibe. Vielleicht denkt er, ich sollte in eine Tagesklinik. Aber das fühlt sich für mich an wie eine Todesurteil-Pause. Ich will nicht pausieren. Ich will leben. Ich will nicht aussteigen.
Diese Traurigkeit ist eine Last, die mich erdrückt. Freundlich zu mir selbst zu sein, wenn ich so enttäuscht bin, ist fast unmöglich. Es ist Teil meiner Depression: die endlose Enttäuschung, weil ich schon alles versucht habe. Wecker, Handy-Erinnerungen, Kalender, Alexa, Freunde, Zettel, Whiteboards – ich habe alles ausprobiert. Nicht erst seit neun Monaten. Seit Jahren. Seit Jahrzehnten. Seit ich ein Teenager war. Immer wieder der verzweifelte Versuch, „funktionieren“ zu lernen, endlich das umzusetzen, was ich mir vornehme.
Und doch stehe ich immer noch auf der Stelle. Ich sabotiere mich selbst, obwohl ich nur überleben will. Wenn ich nicht daran denke, ist das Thema weg. Wenn ich daran denke, fühlt es sich an wie ein Berg, den ich nicht besteigen kann.
Vielleicht
Vielleicht geht es im Moment gar nicht darum, alles zu schaffen oder endlich „zu funktionieren“. Vielleicht reicht es, dass ich immer wieder aufstehe, auch wenn es sich anfühlt, als würde ich im Kreis laufen. Vielleicht ist es schon ein kleiner Sieg, dass ich nicht aufgegeben habe – trotz aller Rückschläge, trotz aller Zweifel. Ich weiß nicht, wie mein Weg weitergeht, aber ich versuche, mir selbst ein bisschen Mitgefühl entgegenzubringen. Und vielleicht ist das – an Tagen wie diesen – genug.
