Schriftzug „not so sure“ – Zweifel an ADHS- und Depressionsdiagnose

Wie ich meine Diagnose sabotiere

Oder: Willkommen im ADHS-Depressions-Mindfuck

Ich habe ADHS. Und Depressionen. Sagen die Fachleute. Ich selbst? Ich bin mir da manchmal nicht so sicher. Nicht, weil ich ihnen nicht glaube – sondern weil ich mir selbst oft nicht traue.

Dabei war das kein Zufallstreffer. Ich habe jahrelang nach dieser Diagnose gesucht. Nicht, weil ich Etiketten mag, sondern weil ich irgendwann wusste: Irgendwas stimmt nicht. Ich habe mich durch Wartelisten geschleppt, saß bei Psychiatern, die von ADHS ungefähr so viel Ahnung hatten wie ein Faxgerät vom Internet. Ich wusste teilweise mehr als sie – und das ist leider kein Witz.

Irgendwann, nach viel Frust, kam die Diagnose. Schwarz auf Weiß. Und ich war erleichtert. Endlich ein Name für das Chaos. Endlich kein „du musst dich nur besser organisieren“. Sondern: ein neurodiverses Gehirn, das anders tickt.

Und trotzdem – manchmal denke ich: Vielleicht war’s doch falsch? Ich lese über ADHS bei Frauen. Spätdiagnostizierte. Und denke: Ja, manches passt. Anderes nicht. Ich bin nicht hyperaktiv. Ich hab nicht fünf Jobs gleichzeitig. Ich wirke doch irgendwie stabil?

Dann spreche ich mit meiner Therapeutin. Oder mit einer Freundin. Und plötzlich wird klar: Ich hab’s einfach gut versteckt. Ich hab jahrelang kompensiert. Jahrzehntelang funktioniert. Nach außen hin. Innen sah’s anders aus: leer, gehetzt, wütend, traurig. Ich hab mich geschämt – für meine Ausbrüche, mein ständiges inneres Rennen.

Die Depression war genauso lange da wie das ADHS. Nur halt unsichtbar. Und irgendwann ist das alles normal geworden: das Alleinsein, das Abkapseln, das Fremdfühlen. Die Müdigkeit, die Antriebslosigkeit. Nichts interessiert mich mehr. Ich kann mich nicht mehr aufraffen. Und das, was ich mal mochte? Ist zwanzig Jahre her.

Und dann wundere ich mich, dass ich mich in manchen Beschreibungen nicht wiedererkenne. Dass ich lese und denke: „Nee, das hab ich nicht.“ Nur um später festzustellen: Doch. Nur anders. Leiser. Getarnter. Ich bin so daran gewöhnt, so zu sein, dass ich es nicht mehr merke. Gedanken, Gefühle, Muster – sie sind da, aber sie haben sich in meinem Alltag versteckt. Ich nehme sie nicht wahr. Erst Tage später. Oder nach einem Gespräch, das etwas aufreißt. Dann wird klar: Doch, es passt. Doch, es war da. Ich hab’s nur nicht gespürt.

Ich habe ADHS. Und Depressionen. Und ich bin dabei, das alles erst richtig zu begreifen.

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Wenn du mehr über ADHS und Depression erfahren möchtest oder Unterstützung suchst, findest du hier einige hilfreiche Anlaufstellen:

ADHS Deutschland e.V. – Interessenvertretung für Betroffene mit Beratungsveranstaltungen und Selbsthilfegruppen.

www.adhs-deutschland.de

ADxS – ADHS bei Erwachsenen – Eine Plattform für den Austausch und die Selbsthilfe von Erwachsenen mit ADHS.

www.adxs.org/de

Deutsche Depressionshilfe – Bietet umfassende Informationen zu Depressionen, Hilfsangebote und Beratung.

www.deutsche-depressionshilfe.de

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